Wachtraum

Gehe mit Goethe durch die Straßen unserer Stadt,

dieser Besserwisser geht mir auf die Nerven!

Jedes Wort von ihm eine Art Vortrag,

er referiert einfach über alles.

Einmal möchte ich ihm ins Wort fallen.

Aber hört mir nicht zu,

meint, ich solle meinen Mund halten.

Das reicht mir dann.

Ich reiße ihm die Perücke vom Kopf

und reibe ihm eine Ordentliche.

Ich werde jedoch plötzlich munter

und halte noch das Buch in den Händen,

Faust…

Der Geschmack des Abendlichts

Kalter Kaffee, ohne Zucker, ohne Milch.

Der Himmel dunkelt sich ein.

Das Dunkelblau verwandelt sich in Schwarz.

Jazzmusik aus dem Radio, arabisch gefärbt, Rabuh Abou-Khalil.

Die Zeit löst sich auf, die Jahre schrumpfen zu Sekunden.

Ich trinke den Kaffee rasch hinunter.

Er schmeckt bitter, aber voller Stille.

Im Abgang spüre ich tausend Jahre Vergänglichkeit.

Und dann: hinaus ins Dunkle, der Spur zum Ich folgend.

 

Wenn es Abend wird

Durch die Stunden gewandert, heiter, fröhlich. Regentropfen konnten meine Laune nicht trüben, im Gegenteil, ich empfand sie erfrischend. Die Ereignisse der letzten Tage klangen im Hinterkopf noch leise nach, der Selbstmord von M., der sein Trinken nicht in die Reihe kriegte, der elektronische Hilferuf von D., ebenfalls von wegen Alkohol, an dem ihr Mann zu zerbrechen droht. Dafür das Telefonat mit meinem Bruder, herzliches Plaudern, das Spüren der Lebensnähe, Freude darüber, dass es ihn in meinem Leben gibt.

Beim Arzt. Die übliche Kontrolle. Er war mit meinem Blutbefund mehr als zufrieden. Vor genau einem Jahr die Herzoperation. Drei Bypässe, eine neue Aortenklappe. Dafür heute wieder fit wie ein alter Turnschuh…Vom Glück, in dieser Zeit zu leben.

Die tägliche Runde mit dem Dackel am Weinberg. Sein lustiges Wesen, der Spaß mit ihm. Dazu dieser herrliche Rundblick. Drüben der Wienerwald, noch weiter weg die Hohe Wand und dahinter der Schneeberg. Auf der anderen Seite das Wechselgebiet, Semmering, noch ferner das Leitha- und Rosaliengebirge, etwas nördlich der Stadtrand von Wien. Auf alle Seiten hin ein herrliches Gefühl Mensch zu sein. Ich spüre Lust am Dasein.

Mit der Dunkelheit kommen auch wieder vereinzelt Regentropfen. Rückzug in die vier Wände. Radio, TV und Computer aufgedreht. Lasse mir einmal die Nachrichten über den Buckel jagen, all die Verrücktheiten dieser Welt. Im Lotto wieder nichts. In der Küche Kaffee und ein paar Bissen dazu. Im Kopf räkelt sich die Vorfreude aufs Schreiben. Wie jeden Abend: Schreiben als Ausklang des Tages. Im klaren Formulieren wird so manches Verborgene sichtbar. Am PC dann noch durchblättern anderer Foren und Blogs. Schön, dass so viele davon ehrlichen Gebrauch machen.

Abendröte. Ein Lieblingswort von mir. Trotz Untergang kommt Farbe auf. Der Tag verabschiedet sich voll Liebe. Zumindest spüre ich es dergestalt. Immer wieder kann ich bei diesem Wort eine wunderschöne kurze Meditation anhängen. Meine Träume vermutlich deshalb so plastisch, herrlich, bunt und lebendig. Ich liebe meine Träume. Fast immer besser als alles, was im TV spätabends gebracht wird…